
Alle hier eingestellten Aufnahmen sind keine „sterilen“ Studioproduktionen, sondern Live-Mitschnitte aus meinen Konzerten der Jahre ab 1968 mit „Sitz im Leben“. Wenngleich mit bester Technik aufgezeichnet und deshalb von guter Tonqualität, wurden sie nicht zum Veröffentlichen oder gar Vermarkten gemacht, sondern lediglich zum eigenen Lernen durch Zurückhören. Somit sind sie nicht belastet vom Druck des endgültigen Festgehaltenwerdens und zeichnen sich aus durch Unbefangenheit und eine durch das Publikum erhöht stimulierte Lebendigkeit der Live-Situation, die alles im und für den Moment entstehen lässt. So ereignet sich hier das Paradoxe, dass dem wirklich nur für den Augenblick Gedachten Dauer verliehen wird. Bei einem Konzertmitschnitt unvermeidliche kleinere Mängel (wie etwa Husten der Zuhörer oder auch mal ein Streifton des Interpreten) werden dadurch mehr als wett gemacht. So wage ich nun einige Aufnahmen zu teilen mit dem geneigten Hörer, auch wenn für mich des Lernens kein Ende ist. Bereits der 38jährige Heinrich Schütz spricht im Vorwort zu seiner „Historia der Auferstehung Jesu Christi“ von 1623 von einem „rechtmessigen langsamen appropiirten tackt, (darinnen gleichsam die Seele und das Leben aller Music bestehet)“. Was diese „Seele aller Music“ betrifft, habe ich von Anfang an am meisten dem Einfluss Albert Schweitzers zu verdanken, ohne jedoch in technischer und aufführungspraktischer Hinsicht bei Schweitzer stehen zu bleiben. Denn ohne diese „Seele“ ist die Musik trotz aller Technik und allen Wissens um Aufführungspraktiken nichts, bzw. nur „ein teuflisches Geplärr und Geleier“, wie selbst Bach in seiner Unterweisung im Generalbassspiel schreibt. Die „historisch informierte“ Aufführungspraxis kann nur Mittel zum Zweck sein: den musikalischen Gedanken klarer und eindringlicher formuliert zu vergegenwärtigen. Als Interpret muss ich die Musik nicht nur mit Blick in den historischen Rückspiegel gestalten, sondern sie in und für die Gegenwart verlebendigen. Was die Technik betrifft, kann der Spieler nicht hoffen, das Elementare und Wesentliche der Musik in den Vordergrund treten zu lassen, als spräche sie aus sich selbst, solange er nicht alles nur Eitel-Sportive überwunden hat. Die Technik muss ganz im Dienste der musikalischen Aussage stehen, und nur darin zeigt sich der wahre „Virtuose“ (von lat. virtus = Tugend herkommend). Besonders in den Werken Johann Sebastian Bachs erlebe ich einen über alles Menschlich-Allzumenschliche erhabenen Geist, der unsere hier unerfüllbare Sehnsucht nach Vollkommenheit in Gelassenheit und Abgeklärtheit auf eine zukünftige Vollendung verweist: „Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.“ (1. Kor. 13) Oder mit dem Wort Charles-Marie Widors zu sprechen, das uns Albert Schweitzer überliefert hat: „Orgelspielen heißt, einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen manifestieren.“ (Albert Schweitzer, „Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst“, faksimilierter Nachdruck der 1. Auflage von 1906, Wiesbaden 1962, S. 38) Rainer Noll